In den Vorstellungen so mancher serbischer Studenten muss die Schweiz das Traumland für das Studium schlechthin sein. Das Studieren dort stellen sie sich als Paradies vor, wo es keine überbordende Bürokratie, keine bestechlichen Professoren, keine Kürzungen der Forschungsmittel, keine gekauften Diplome und auch keine sonstigen Probleme gibt.  Hier sei alles perfekt und in Ordnung, alles sei klar und vorhersehbar, es gibt keine bösen Überraschungen und auch keine unangenehme Erfahrungen. Perfektion, Pünktlichkeit und Produktivität. Das sind die Antworten, die man hört wenn man, z.B. in Belgrad, einen serbischen Studierenden fragt, wie er/sie sich die Schweiz wohl ausmalt.

 

Und ja, sie liegen eigentlich gar nicht so falsch mit ihren Mutmassungen zur Schweiz. Die Schweiz ist ein Land, welches in Fragen der universitären, wie auch hochschulischen Ausbildung, sehr viel zu bieten hat. Von West bis Ost, von Nord bis Süd, im ganzen Land sind die staatlichen eidgenössischen und kantonalen Universitäten und Hochschulen von einer beträchtlichen Qualität und dies zu einem erschwinglichen Preis.

Wer einen guten Studienplatz sucht, der nicht gleich so teuer ist wie ein Einfamilienhaus à la USA, der ist in der Schweiz richtig.

 

So etwas wie schlechte staatliche Universitäten und Hochschulen sind in der Schweiz nicht wirklich anzutreffen.  Natürlich gibt es bessere und weniger gute Institutionen, aber im internationalen Vergleich steht auch die „schlechteste“ Schweizer Universität immer noch gut da.  Im nationalen Vergleich spielen die Unterschiede schon eine Rolle. Die ETH in Zürich lässt sich nicht mit der Universität in Neuenburg vergleichen. Dazwischen liegen Welten. Nichtsdestotrotz sind beides gute Orte für ein Studium.

 

Wer in die Schweiz kommen möchte für sein Studium sollte sich zuerst gut überlegen, in welcher Sprachregion er oder sie leben möchte. Die Schweiz bietet universitäre und hochschulische Lehre in den drei Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch an. Das grösste Angebot ist natürlich auf Deutsch und Französisch zu finden, auf Italienisch gibt es sehr viel weniger Wahlmöglichkeit. Wie mittlerweile überall in der Welt spielt auch das Englische eine wichtige Rolle bei der Ausbildung.  In gewissen Fächern ist das Englische sogar dominanter als die Landessprachen.

 

Für jemand, der aus Serbien kommt, bietet sich der deutschsprachige Landesteil mehr an, als es der französischsprachige tut. In der Deutschschweiz lebt eine sehr grosse Gemeinde an Landsleuten  und man kann sich in einer lebendigen serbischen (wie auch ex-jugoslawischen) Community bewegen.  In der Romandie, wie die französischsprachige Schweiz genannt wird, ist es aber definitiv auch nicht schlecht! Am besten wäre es für jemanden aus Serbien in den italienischen Landesteil, genannt Ticino, zu gehen. Dort kann man sich sehr leicht an die Mentalität anpassen, welche viel kompatibler ist mit der serbisch-balkanischen, als dies im deutschschweizer oder französischensprachigen Teil der Fall ist. Leider gibt es zu wenig Studienmöglichkeiten im Ticino und so ist es eher schwieriger für das Studium dorthin zu gehen.

 

Die Stipendienmöglichkeiten sind in der Schweiz eher begrenzt, da das Studium an sich schon recht wenig kostet (im internationalen Vergleich).  Das Stipendienwesen ist auf kantonaler Ebene geregelt, so dass von Kanton zu Kanton andere Regeln gelten. Auch die Höhe der Stipendien variiert beträchtlich zwischen den Kantonen. Für internationale Studenten ist am besten, sich bei der gewünschten Universität zu informieren, ob und wie man ein Stipendium bekommen könnte. Es gibt aber auch private Stipendiengeber.

 

Für serbische Studenten ist es nicht unbedingt leicht sich in der Schweiz für ein Studium anzumelden.  Es gibt viele Hindernisse, die einem im Wege stehen. Als erstes muss man für das gewünschte Studium akzeptiert werden. Dies ist nicht immer der Fall.

Besonders schwierig ist es, bei Fachrichtungen, welche sich grosser Popularität erfreuen und welche bereits hohe Zahlen an Studenten haben (Wirtschaft, Recht, Psychologie, etc.), eine Studienplatz zu erhalten. Für serbische Studenten ist es meistens am einfachsten sich an den technischen und naturwissenschaftlichen Studiengängen anzumelden (wie z.B. Mathematik, Physik, Biologie, etc.). Meistens ist es bürokratisch nicht mehr so schwierig eine Aufenthaltsbewilligung zu bekommen, sobald man von der Universität angenommen wurde, jedoch ist das auch keine Garantie. Manchmal kann sich das Amt für Migration quer stellen und sehr viele Unannehmlichkeiten bereiten. Auch dies ist von Kanton zu Kanton anders.

 

Das Studiensystem an sich unterscheidet sich in manchen Aspekten ebenfalls. Im Unterschied zu Serbien kann es viel öfter Gruppenarbeiten und Gruppenprojekte geben. Ausserdem sind auch schriftliche Arbeiten viel öfters anzutreffen. Es wird sehr stark wert auf korrektes Zitieren und technisch-gründliche Arbeit gelegt. Mündliche Prüfungen sind eher selten, meistens sind es schriftliche.  Alle Prüfungen können fast immer nur zweimal geschrieben werden. Man hat also nur eine Wiederholungschance, wenn man einmal durchgefallen ist. Wenn es sich z.B. um ein Pflichtfach handelt und man fällt zum zweiten Mal durch, dann kann man das Studium meistens nicht weiterführen und muss das Fach wechseln. Das System ist also sehr streng. In den grossen und populären Fächern (Wirtschaft, Recht, Psychologie, etc.) ist die Durchfallsquote recht hoch, da die Universitäten auf diese Art und Weise, die Anzahl der Studenten verkleinern wollen.

 

Eine weitere grosse Frage ist, wie man sich und sein Studium finanziert. Mit einem Studentenvisum hat man das Recht auf 60 Stunden Arbeit pro Monat (aufgeteilt auf 15 Stunden pro Woche maximal). Während den Semesterferien darf man 100% arbeiten.  Der durchschnittliche Stundenlohn beträgt zwischen 20-25 Franken. Es ist nicht an eine Arbeit zu kommen, vor allem wenn man der Landessprache nicht mächtig ist.  Man kann also brutto rund 800-1000 Franken verdienen im Monat. Dies ist in der Schweiz recht wenig, wenn man bedenkt, dass Kosten wie Krankenversicherung, Zimmermiete, Lebensunterhaltskosten, Transport, etc. dazu kommen.

Ohne die zusätzliche finanzielle Unterstützung von Eltern oder sonstigen Sponsoren, ist es sehr schwierig in der Schweiz (über-)leben zu können. Sehr viele internationale Studenten leiden unter diesen Preisen, denn sie können sich sehr vieles nicht leisten und müssen in ihrer Freizeit sehr viel arbeiten.

 

Zwischenmenschlich ist es in der Schweiz für uns Serben auch sehr gewöhnungsbedürftig. Die Mentalität der Schweizer unterscheidet sich doch recht stark von jener in Serbien oder dem Balkan. Die Leute sind kühler und nicht so kontaktfreudig. Es herrscht eine freundlich-distanzierte Haltung. Die meisten serbischen Studenten, welche aus Serbien in die Schweiz gekommen sind, haben doch Mühe sich mit Schweizern anzufreunden und sich in deren Freundeskreise zu integrieren. Viel öfter schliessen die Studenten neue internationale Freundschaften mit Leuten aus allerlei Ländern der Welt. Hier kommt es darauf an, welches Studien man gewählt hat und ob es viele Internationale Studenten gibt. Dies ist nicht immer der Fall. Eine gute Möglichkeit um Leute kennenzulernen sind internationale Organisationen wie AIESEC, IAESTE oder AEGEE.

 

Leider muss man auch feststellen, dass Serben oder serbischstämmige Schweizer in der Schweiz weiterhin aufgrund ihres Namens und ihrer Herkunft diskriminiert werden in Sachen Arbeit und Jobsuche. Als jemand, der aus dem Balkan stammt, hat man es viel schwieriger als andere Ausländer. Sehr viele Schweizer haben Vorbehalte und Vorurteile gegenüber Personen aus dem Balkan. Mit einem „-ic“ im Namen muss man sich immer doppelt so viel Mühe geben als andere.

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